Pressestimmen zu „ensemble“

YET Company «ensemble»

Artikel von Marianne Mühlemann, erschienen in der „Tanz“ Ausgabe Dezember 2015

„Als vor fünf Jahren die Funken flogen zwischen Berlin und Bern, hatte das Folgen. Aus dem kreativen Feuer (und der Liebe) zwischen Dominika Willinek und Fabian Cohn entstand eine neue Tanzkompanie. Noch eine, die sich im Haifischbecken des freien Schaffens behaupten will? Macht das Sinn? «Wir haben uns überlegt, ob es noch Neues zu sagen gibt und ob wir trotz der großen Zahl an freien Gruppen noch eine gründen sollen», so Willinek. Die Antwort ließ nicht auf sich warten. Yet heißt die Kompanie. Yet heißt auch: dennoch, «trotzdem».

In ihrem Erstling mit dem Titel «Vivant!» (tanz 8-9/14) befragten die ausgebildete Bühnentänzerin und Choreografin (mit einem Bachelor in Europastudien in der Tasche) und der Jurist, der sich zum Mimen weiterbildete, den Menschen auf seine Körperlichkeit. Die Produktion, die zur Trilogie ausgebaut werden soll, hat jetzt mit «Ensemble» einen zweiten Teil erhalten, der einen Schritt weiterführt. Bei der Uraufführung im Berner Tojo Theater sieht man minutenlang bloß schwarz. Die Vibration einer Klangschale hält die mysteriöse Dunkelheit im Zaum. Kein Grund für Eso-Alarm! Bevor die Befürchtung wahr wird, dass man da gleich mit Bedeutung bombardiert wird, spuckt das Licht einen leeren Bühnenraum aus und mit ihm fünf Menschen in Bewegung: Drei Frauen und zwei Männer laufen rückwärts im Kreis. Nicht mehr, nicht weniger. Die Mitglieder der Yet Company tragen asymmetrische Beinkleider in Erdtönen. Ihr luftiges, hochpräzises Warmlaufen gibt den Auftakt zu einem Tanzstück über die Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Zusammenseins, das – wohltuend – ganz ohne Tiefgründelei auskommt.

Es öffnet sich der Blick in eine Parallelwelt, in der der Mensch noch nicht von der chaotischen Hektik des Alltags infiziert ist. Auch wenn das Kollektiv im Zeitraffer aufscheint, spürt man den ruhigen Atem, der hier seine Energien in Zeit und Raum formt. Man erlebt, wie Figuren sich suchen und meiden, einander angleichen oder voneinander absetzen. Sind es Menschen, Fische, Zugvögel, Planeten? In den zeitlosen Tableaus ist alles im Fluss und in steter Verwandlung begriffen. Die stille Poesie der sachlichen Bewegung macht «Ensemble» zum Kleinod. Das Unspektakuläre wird spannend durch die eigenständige Bewegungssprache. Willinek und Cohn haben ein klares Bewegungskonzept erarbeitet. Zur minimalistischen Sound-Performance des Perkussionisten Wieland Möller lassen sie die beweglichen Tanzkörper wie kalligrafische Zeichen aufscheinen. Die Tänzer werden durch Raum und Zeit geführt, als wäre die Bühne eine musikalische Partitur. Man sieht Körper in Bewegungsakkorden einfrieren oder sich zu mannshohen Clustern aufbauen. Oder sie verharren in Pausen wie in Kokons gefangen, bevor sie ein neues Taktmaß aus der Starre erlöst. Dann beginnt die Suche nach dem Gleichklang erneut. In den besten Momenten entwickelt das Spiel mit Illusion und Wirklichkeit einen betörenden Sog. Die Fantasie im Kopf beginnt zu blühen.“

ensemble – M. Mühlemann (PDF)

Beisammen Allein – Die YET Company zeigt mit „ensemble“ den zweiten Teil ihrer Tanztrilogie in den Uferstudios Berlin

Artikel von Maria Katharina Schmidt, erschienen auf tanznetz.de am 7. Dezember 2015

„Berlin – Die Produktion „Vivant!“ strapazierte Vorstellungen von Lebendigkeit(en). In einer letzten Szene schlossen sich die fünf PerformerInnen unter einer festen Hülle aus Stoff gar zu einer gemeinsam atmenden Kugel zusammen und das Licht erlosch. Das war 2014 und begründete den ersten Teil einer Tanztrilogie, die im Miteinander von Akustik und Körper bewegte Bilder installiert und zugleich wieder demontiert. Mit „ensemble“ erfasst die schweizerisch-deutsche YET Company um das Choreografen-Duo Dominika Willinek und Fabian Cohn nun Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des „Zusammen-Seins“. Dabei verbleiben die choreografisch und akustisch etablierten Bilder jedoch in jenem Nebeneinander des durch den Bindestrich getrennten ‚Zusammen-Seins’. Das ‚Sein’ der fünf PerformerInnen will nie so wirklich zu einem ‚Zusammensein’ verschmelzen. Es bleiben fünf Entitäten auf der Bühne, im Grunde sogar sechs, denn auch der Perkussionist Wieland Möller reiht sich auf der Ebene des Akustischen in das gemeinsame Nebeneinander.

Zugleich schaffen die wenigen Momente des Miteinanderseins wunderschöne Augenblicke, die verweilen sollten, die sogartig die eigene Aufmerksamkeit in die Tiefe der Zeit hineinziehen. Etwa wenn Flurin Kappenberger und Johannes Stubenvoll in ihren Bewegungen mit den Schwingungen des Klangs verschmelzen und sich schließlich gemeinsam, mit Figuren des stetig wechselnden, langsamen Hebens und umeinander Drehens kreisförmig durch den Bühnenraum bewegen. Oder das plötzliche Blackout nach der ersten Hälfte des Stücks, dessen Stille und Dunkel alsbald durch vereinzeltes, kräftiges Aufstampfen gebrochen wird und im Finden eines gemeinsamen Rhythmus’ einen Moment des Miteinanders oder besser des Zueinanders ermöglicht. Über lange Zeit verbleibt jedoch der Eindruck des vereinzelten Zusammen-Seins.

Die choreografischen Strategien sind klar und unaufgeregt gesetzt: etwa in der klaren Frontausrichtung des Körpers bei kreisförmigen Bewegungen oder im immer gleichen Körperabstand, während die Raumwege Ellipsen zeichnen. Auch das Finden einer gemeinsamen Bewegungsqualität ist von Szene zu Szene präzise artikuliert: einmal ausgehend von den Gelenken und Wirbeln des Körpers, dann wieder ist der Kopf führend oder ein äußerer Impuls, der die Körper ruckartig und kräftig vom Boden springen lässt. Daneben bildet der Klang des Schlagzeugs, Xylophons oder auch Sound Boards mit seinen digital veränderten Klangeffekten eine zweite Ebene, die oft die führende zu sein scheint – in ihrer Qualität, Dynamik oder dem plötzlichen Stillstand. Womöglich zeichnet „ensemble“ das Portrait einer Zeit, dieser Zeit, in der das Gemeinsamsein im Nebeneinander besteht. Doch wie lässt sich gemeinschaftliche Subjektivität denken?

Die Stärke von Willinek und Cohn liegt in ihren dramaturgischen Setzungen. Ihre neueste Produktion „ensemble“ zeichnet sich durch eine präzise Komposition von Licht, Klang und Choreografie, eine Vielfalt an Bewegungsqualitäten und ein klar strukturierendes Narrativ aus. Der souveräne und überzeugende Einsatz der theatralen Mittel zeugt auch von einer intensiven Kollaboration zwischen ChoreografInnen, TänzerInnen, Musiker sowie Lichtbildner und Bühnenbildnerin.“
ensemble – M. K. Schmidt (TIFF)

Die Poesie der Sachlichkeit – Ein abstraktes Tanzstück, das nicht mehr sein will als das, was es zeigt: Die Yet Company überzeugt mit “ensemble”.

Artikel von Marianne Mühlemann, erschienen in der Berner Tageszeitung “BUND”, Ausgabe vom 17. Oktober 2015

ensemble 2 – M. Mühlemann (JPG)

Vexierspiel mit Körpern – Menschliches Zusammensein als fragiler Prozess: das Tanzstück “Ensemble”.

Vorankündigung von Marianne Mühlemann, erschienen in der Berner Tageszeitung “BUND”, Ausgabe vom 15. Oktober 2015

ensemble 3 – M. Mühlemann (JPG)

Pressestimmen zu “Vivant!”

YET Company: Vivant!

Artikel von Arnd Wesemann, erschienen in der “Tanz”, Ausgabe August/September 2014

Vivant – A. Wesemann (PDF)

Zwischen Kugeln aus Leibern und Seeanemonen:

Vivant! von Fabian Cohn und Dominika Willinek in den Uferstudios, Berlin

Ein Artikel von Katharina Schmidt. 11.06.2014

Es ist ihre erste gemeinsame Produktion seit drei Jahren und die wollten Fabian Cohn und Dominika Willinek so ‘richtig’ angehen, wie sie mir nach der Vorstellung erzählen. 2010 schlossen sich beide als YET Company zusammen. 2011 realisierten sie ihre letzte gemeinsame Produktion „On People and Power“ und tatsächlich schaffen sie mit „Vivant!“, drei Jahre später, etwas sehr anderes. Sicher knüpft „Vivant!“ in gewissen Momenten an Vergangenes an. Zugleich jedoch so gar nicht. Diesmal, rein in der Rolle der Choreograf_innen, verorten sich Fabian Cohn und Dominika Willinek thematisch, choreografisch und konzeptuell auf einer vollkommen anderen Ebene: Die Bühne wird hier zum Ort an dem vermeintliche Selbstverständlichkeiten, wie der menschliche Körper und seine Lebendigkeit, zum Material werden, um dieses wiederum vielfältigst zu bearbeiten. Zudem haben die beiden für „Vivant!“, neben ihren fünf Tänzerinnen, Ole Schwarz für das Lichtdesign und Heiko Tubbesing sowie Martin Zadak für die Soundkomposition mit ins Boot geholt.
Uferstudios Berlin, 06.06.2014: Kein Platz ist mehr frei auf der Publikumstribüne. Dies ist bereits die zweite Vorstellung. Am Vortag hatte „Vivant!“ Premiere in den Uferstudios. Rauchschwaden hängen in der Luft. Warmes Licht strahlt von den vorderen Bühnenscheinwerfern ins Publikum. Dezent, nicht blendend. Bereits jetzt wird das Publikum eingewoben in Atmosphäre. Irgendwie hat hier schon etwas begonnen. Kaum ein Gespräch zwischen den Zuschauenden. Neben dem Nebel liegt Spannung in der Luft. Das Licht wendet sich schließlich vom Publikum ab und widmet sich dem Bühnenraum. Mit der Zeit lässt der Nebel nach. Am anderen Ende der Bühne zeichnen sich kleine Stoffhaufen ab. Aus den Lautsprechern tropfen vereinzelt Geräusche. Die Stoffhaufen werden schließlich zu ‘Menschen’. Fast erinnert dies an eine Geburt. Nur selten schöpfen die Performerinnen im Laufe von „Vivant!“ aus ‘menschlich’ konnotiertem Bewegungsmaterial. Vielmehr findet die Qualität ihrer Bewegungen, mal weich und fließend, mal staccatoartig, jenseits jeglicher Vertrautheit statt. Zwischenzeitlich, wenn in aufrechter Position und vereinzelt, sind die Performerinnen doch wieder Tänzerinnen, die an Menschen erinnern. Es ist jedoch gerade der Kontrast zwischen diesen Szenen voll von Dynamik und zugleich den auf der Bühne kreierten Tableau Vivants, der diese Produktion belebt. Um die Frage nach Lebendigkeit in einem ganz grundsätzlichen Sinne soll es schließlich gehen: Lebendiges Material stapelt sich zuhauf, krabbelt spinnenartig über die Bühne oder wirft sich hin und her wie eine Seeanemone auf dem Meeresgrund. Sofort gleicht die eigene Wahrnehmung mit eben jenen vertrauten Bildern ab. Im nächsten Moment zerfällt das Bild dann wieder vollends und sucht eine andere Möglichkeit der Fusion.
Das Lebendige wird in „Vivant!“ jenseits von Körpersein und -haben bzw. Vorstellungen von Einheit befragt. Die Wahrnehmung von Existenz entsteht vollends über die Bewegung. Die Fragen die „Vivant!“ dabei stellt sind nicht neu, eher beschreiben sie einen gewissen Zeitgeist gegenwärtiger Produktionen. Allerdings beweist „Vivant!“, dass diesen Fragen immer noch vielfältigste Möglichkeiten der Auseinandersetzung gegenüberstehen. Offen bleibt schließlich der Einsatz der so dargestellten Nacktheit der fünf Performerinnen. Es ist eine geschlechtslose Nacktheit, die dem Publikum da gegenübertritt. Geschlechtlos und dabei vollkommen austauschbar. Mit streng zurückgesteckten Haaren und hautfarbenem Slip in ein immer wieder anderes Lichtsetting gehüllt, erscheint das lebendige Körpermaterial entindividualisiert. Am Ende schließen sich jene solitär agierenden Körperpartikel unter der Hülle einer Stoffbahn zu einer atmenden Kugel zusammen. Unter dieser festen Grenze des Stoffs scheint die Vorstellung von Lebendigkeit schließlich vollkommen entgrenzt.
„Vivant!“ wird seine Premiere in der Schweiz am 18., 19. und 20. September 2014 im Tojo Theater in Bern haben.

Pressestimmen zu “Bewegte Stille”

«Bewegte Stille»: Der Traum von der Leichtigkeit des Seins

Basellandschaftliche Zeitung vom 21.2.2011

von Alfred Schlienger

Kleinkunstbühne Rampe. Fabian Cohn und Dominika Willinek zeigen ihr Tanzstück «Bewegte Stille». Melan- cholisch tropft das Klavier, aus dem Halbdunkel schälen sich zwei Figuren, ein Mann und eine Frau: einsam, getrennt und wie in einem heimlichen Wettbewerb, wer die Bewegungsmuster monotoner hinkriegt. Und plötzlich explodieren die beiden zu einer so agilen wie hohlen Rampen-Show mit Dauergrinsen.
Doch bald schon bricht die repetitive Parade von Sein und Schein in sich zusammen, die Frau rastet als Erste aus, sucht in verzweifelten Zuckungen, Sprüngen und Pirouetten zu sich selbst zu kommen. Der Mann bellt Be- fehle, die Frau bellt zurück, jeder produziert sich vor dem andern, manipuliert, quält bei Bedarf – der ewige Kampf der Geschlechter. Bis die beiden in einen federleichten Contact Dance hinübergleiten, wo alles fliesst, die Frau den Mann trägt, der Mann die Frau. Wo jeder auch Raum hat für die eigene Identitätssuche.
Hier vor allem gelingen zarte Bil- der von berückender Schönheit. Hände, die Luft erforschen, ein Gesicht er- tasten, als wärs der erste Schöpfungstag. Ist es ein Traum nur, eine Vision? Am Schluss jedenfalls, nach einer knappen Stunde, die gleichen Bewegungsmuster wie zu Beginn, aber nun wirken sie sanfter, weicher, liebevol- ler.
Dominika Willinek und Fabian Cohn zeigen einen gelungenen Abend, in dem mehrere Künste zusammenfinden. Tanz, Pantomime und Sprechtheater verknüpfen sich mit der subtil eingesetzten Klaviermusik des katalanischen Komponisten Federico Mompou (1893-1987). Nadja Lutter am Flügel ergänzt die Stücke durch eigene Improvisationen. Die beiden Bewegungskünstler überzeugen durch eine Körperpräsenz und Differenziertheit, die auch nach innen zielt. Es sind die Feinheiten des Ausdrucks, die zählen, und insofern wirkt der Abend auch wie ein Training zum genauen Sehen und Fühlen.
Der Basler Fabian Cohn hat sich in Berlin zum Pantomimen und Akrobaten ausbilden lassen. «Bewegte Stille» ist sein zweites abendfüllendes Programm. Dominika Willinek erwarb sich ihre Tanzausbildung am Laban Center in London. Gemeinsam stehen sie für die Suche nach neuen Ausdrucksformen an den Schnittstellen von Tanz, Musik und Mimenkunst.

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